Presse

Brisantes Kapitel Zeitgeschichte in packender Form
21.10.2011 | SALZBURG | (SN).

Empfehlenswertes Dokumentartheater: Die Salzburger Theater(off)ensive spielt „Wallenberg“ von Ernst Pichler in der Stieglbrauerei
Die Alte Mälzerei der Stieglbrauerei, ein großer Raum mit schöner Holzkonstruktion darüber, war bisher nicht als Ort für das Theater eingeführt. Seit Dienstag, als dort die Uraufführung des Stücks „Wallenberg“ von Ernst Pichler stattgefunden hat, ist die Lokalität bekannt. Und manche renommierte Bühne kann die Theater(off)ensive, die nun dort eine Auftrittsmöglichkeit hat, darum beneiden.
Denkwürdig war dieser Abend aber vor allem wegen des spannenden Themas und dem hohen Niveau der Umsetzung. Mag sein, dass dokumentarisches Theater in der Nachfolge Heinar Kipphardts und Rolf Hochhuths nicht gerade modern ist, aber der Fall Wallenberg, ein brisantes Kapitel der Zeitgeschichte, verdient es, auf die Bühne gebracht zu werden.

Das Publikum sitzt zunächst vor einem Kubus aus Brettern, der aber bald auseinandergeklappt wird und den Blick in eine Zelle des berüchtigten NKWD-Gefängnisses Lubjanka in Moskau frei gibt (Ausstattung: Valerie Liegl). Hier sitzen während des Zweiten Weltkriegs zwei Angehörige der deutschen Wehrmacht ein, und zu ihnen kommt der schwedische Diplomat Ra oul Wallenberg. Er hat in Budapest mit finanzieller Unterstützung durch die USA Tausende Juden vor der Deportation gerettet, indem er mit großem organisatorischen Aufwand Schutzhäuser einrichtete und für die Bedrohten schwedische Pässe ausstellte. Nach der Eroberung Budapests durch die Rote Armee wurde Wallenberg, von Stalin als Spion verdächtigt, nach Moskau gebracht. Die Familie bemühte sich um seine Freilassung, nur halbherzig unterstützt durch die schwedische Regierung.

Kooperation mit Ungarn
Ernst Pichler zeichnet in einer Abfolge kurzer Szenen, basierend auf ausführlichen
Recherchen, Wallenbergs Schicksal nach. Über das Ende des Diplomaten gibt es nur einander widersprechende Spekulationen. Pichler bietet seine eigene, theaterwirk same Version: Für Stalin, der einige Zeit gedacht hatte, Wallenberg im beginnenden Kalten Krieg als Pfand nützen zu können, ist sein Gefangener wertlos geworden. Er kann liquidiert werden. Ein jüdischer Arzt soll das diskret übernehmen. Wallenberg stellt ihn zur Rede. Der Mann gesteht, dass er und seine Familie selbst unter gefährlichstem Druck stünden. Wallenberg sagt, dass ihm sein Tod Gelegenheit gebe, noch einmal Juden, nämlich die Familie des Arztes, zu retten.
Die Theater(off)ensive kooperiert für diese Produktion mit der Deutschen Bühne Ungarn. Einige Darsteller kommen von dort. Ihr Akzent ist der Authentizität durchaus förderlich. Regisseur Alex Linse kommt mit der Informationsdichte des Stoffs gut zurecht, und es gelingt ihm, aus dem zuweilen doch sehr spröden Text starkes Theater zu machen. Er kann sich dabei teils auf Schauspieler stützen, wie sie selbst auf Bühnen, die um ein Vielfaches höher subventioniert sind, äußerst rar sind. Eine der packendsten Szenen ist eine Traumvision Wallenbergs, in der Adolf Eichmann in vervielfältigter Form erscheint.

Starke Schauspielerprofile
Andreas Peer gibt der Titelfigur als unbeugsamer und dabei sanfter Charakter klare Kontur, nicht zuletzt dank einer Sprechweise, die dem Gesagten Gewicht gibt. Detlef Trippel hat in mehreren Rollen zu tun, als sarkastischer Spielansager, als nachdenklicher Häftling und – am einprägsamsten – als jüdischer Arzt im Dienst stalinistischer Säuberungen. Herwig Ofner gibt die Karikatur eines ängstlichen Diplomaten, und Andrej Hansel ist der fürchterlich lachende Molotow. Wie einen Menschenfreund spielt Mathias Patzelt den russischen Offizier, der Wallenberg verhört. In der Sparte Schauspiel gibt es zurzeit in Salzburg nichts Besseres zu sehen. Nächste Termine: 22., 26., 27., 29., 31. Oktober www.theateroffensive.at
http://www.theateroffensive.at/
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